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Das Ziel des Yoga. Oder: warum machen wir das Ganze überhaupt?

Ziel des Yoga

Die Gründe, Yoga zu üben sind vielfältig. Mehr Entspannung, mehr Beweglichkeit, weniger Rückenschmerzen. All das sind tolle Effekte, die die Yogapraxis auf uns haben kann. Doch was sagen uns eigentlich die Schriften, worin das Ziel des Yoga Übens liegt? Davon möchte ich euch in diesem Text erzählen.

 

Warum machst du Yoga? Auf diese Frage wird wahrscheinlich fast jede*r eine eigene sehr persönliche Antwort haben: Für die einen ist es ein toller Sport, um den Körper zu dehnen und zu kräftigen. Für die anderen hilft es super gegen Rückenschmerzen und dient als Ausgleich zum Alltag im Büro. Für manche ist es das Mittel gegen Stress und für manche eine spirituelle Praxis. 

 

All diese Gründe sind wichtig und berechtigt. Keiner ist besser oder schlechter. 

 

Doch was sagen uns die Jahrtausende alten Schriften bezüglich des Ziel des Yoga?

 

Bevor wir uns anschauen, was Patanjali im Yoga Sutra dazu schreibt, kurz zu meiner persönlichen Erfahrung.

 

Als ich 2005 das erste Mal in einer Yogastunde war, hatte ich absolut keine spirituelle Motivation. Ich bin eigentlich nur mit einer Freundin mitgegangen, um es mal zu testen. Ich habe damals sehr viel Sport gemacht, war aber mit spirituellen Aspekten noch gar nicht in Berührung gekommen. 

 

Die erste Yogastunde war ein bisschen befremdlich und ich habe mit meinen Freundinnen gekichert, als wir OM singen sollten. 

 

Aber dennoch hat mich etwas berührt. Als ich kurze Zeit später etwas Trauriges erlebte war mir sofort klar: Ich mache jetzt einen Yogakurs, um das zu verarbeiten. Ich habe mich in demselben Studio für einen Kurs angemeldet und ging von da an jeden Montag in die Yogastunde.

 

Und ich wusste schon sehr bald, dass Yoga mich von nun an begleiten wird. 

 

Ich hatte das Gefühl, mich selbst besser kennenzulernen, mir selbst näher zu kommen. 

 

Geht es dir vielleicht ähnlich? Warum zieht Yoga so viele Menschen an?

Im Folgenden möchte ich euch in meinen Worten erklären, was Patanjali als Ziel des Yoga definiert und an den vorherigen Artikel anknüpfen. 

Wir sind im ersten von vier Kapiteln. Den ersten Satz haben wir im vorherigen Artikel behandelt. Nun kommen Satz 2-4. 

Hier die wörtliche Übersetzung von Dr. Ronald Steiner

Im 2. Satz wird Yoga definiert: 

 

1.2: Yoga (yoga) [ist] das Zur-Ruhe-Kommen (nirodha) der Bewegungen (vr̥tti) im inneren Wahrnehmungsraum (citta).

Dr. Ronald Steiner - historisch-wörtlich

 

 

Yoga wird als ein Zustand verstanden. Ein besonderer Zustand, in dem etwas zur Ruhe kommt. Um das besser zu verstehen, müssen wir uns zwei Begriffe genauer anschauen: 

 

Citta: der innere Wahrnemungsraum oder auch unser Geist. 

Vr̥tti: die Bewegungen unseres Geistes. Also Gedanken, Gefühle, Emotionen, alle Prägungen, Muster und „Vorurteile“, die wir uns in unserem Leben angeeignet haben. Also alles, was unser Gehirn so produzieren kann. 

 

Im Zustand des Yoga sind wir nach dieser Definition also dann, wenn alle diese Bewegungen zur Ruhe gekommen sind.

 

Im nächsten Satz wird erklärt was dann passiert: 

1.3: Dann [entsteht] ein Verweilen des Beobachters (draṣṭr̥) in seiner eigenen Form (svarūpa).

Dr. Ronald Steiner - historisch-wörtlich

 

Wenn alle Bewegungen des Geistes (vritti) zur Ruhe kommen, ruht Drasta in seiner eigenen Form. 

 

Doch was bedeutet das? Ich stelle es mir so vor: In uns gibt es etwas (Drasta) was ganz still hinter den ganzen Bewegungen des Geistes existiert. Dies ist unser unveränderlicher Kern, der von allem äußeren unberührt in uns ruht. 

 

Seine Aufgabe ist es, nur zu beobachten (die wörtliche Übersetzung von Drasta ist Seher). Im Gegensatz zu unserem Citta ist der Drastu unveränderlich, d.h. er kann durch nichts was uns zustößt, verletzt werden.  

 

Um das besser zu verstehen, müssen wir den nächsten Satz anschauen, dort wird erklärt was passiert, wenn man nicht in diesem Zustand ist: 

 

1.4: Die vorbestehenden Gedanken und Gefühle (vr̥tti) in Deinem inneren Wahrnehmungsraum formen, wie Du Deine Umwelt und schließlich auch Dich selbst wahrnimmst.

Dr. Ronald Steiner - moderner Transfer

 

Wenn wir also nicht gerade im Zustand des Yoga sind, also die meiste Zeit des Tages, ist unsere Wahrnehmung von unseren vrittis beeinflusst. 

 

Alles, was wir wahrnehmen, unsere Umwelt und uns selbst ist durch unsere Gedanken und Gefühle beeinflusst. Wir nehmen also alles subjektiv war. 

 

Zum Beispiel: 

Wir sind schlecht drauf, dann sieht die ganze Welt grau und hässlich aus. Wenn wir aber verliebt sind ist alles wunderschön. Obwohl die Welt sich gar nicht verändert hat, sehen wir sie in verschiedenen Situationen ganz anders. Es ist, als hätten wir eine Brille auf, die unsere Wahrnehmung verzerrt. So können wir uns die vrittis vorstellen. Sie verzerren unsere Wahrnehmung. Je nachdem, welche Brille wir gerade aufhaben. 

 

Genauso subjektiv nehmen wir uns selbst war. Was wir über uns denken, aufgrund von unseren Prägungen, so erscheinen wir uns selbst. z.B. „Ich bin dumm“ „Ich bin hässlich“ „Ich bin ungeschickt“ „ Ich bin schlecht in Mathe“ etc.  

 

Das ist also der ganz normale Zustand in dem wir in der Welt funktionieren. 

 

Und nur, wenn wir in den Zustand des Yoga kommen, also die vrittis zur Ruhe kommen, dann können wir unvoreingenommen wahrnehmen. 

 

Vielleicht wird es klarer, wenn du dir das Bild von einem See vorstellst. Die Wasseroberfläche ist aufgewühlt durch Boote, Schwimmer, Luftmatratzen, Wind usw. In diesem Zustand können wir nicht zum Grund des Sees schauen. 

 

Wenn aber abends alle Leute die See verlassen haben und zufällig auch der Wind nachgelassen hat, wird die Wasseroberfläche ganz glatt und wir können zum Grund des Sees schauen. Das wäre der Zustand des Yoga.  

 

Alle Gedanken, die die Oberfläche normalerweise aufwirbeln kommen zur Ruhe und wir können bis zum Grund schauen, also unseren Drastu erkennen, der immer still und unveränderlich in uns ruht.  

 

Ich habe noch ein anders Bild, das mir sehr gut gefällt. Ich stelle mir die vrittis, also die Bewegungen des Geistes, als kleine Hundebabys vor. Ein ganzes Rudel kleiner wuseliger Welpen, die mit ihrer unbändigen Energie durchs Zimmer stürmen und dabei alles in Chaos versetzen. 

 

Die Hundebabys sind die vrittis, die ständig von unserem Geist produziert werden, um uns von unserem Drastu, unserem wahren Selbst abzulenken. 

 

Das ist die Natur unseres Geistes, er will uns ständig ablenken, damit wir ihm glauben und nicht dazu kommen, unseren Drastu zu erkennen. 

 

 Was können wir tun, um den Drastu zu erkennen? 

 Wir wollen den Hundebabys ja nichts Schlimmes antun, denn sie sind sehr süß und wir brauchen sie, um in der Welt zurecht zu kommen. Wir können also versuchen, sie zur Ruhe zu bringen und vor allem, sie zu kontrollieren. 

 

Wenn wir sie richtig beschäftigen werden sie vielleicht ruhiger und evtl. können wir sogar einen kleinen Laufstall bauen, durch den wir sie kontrollieren können. Das funktioniert aber nicht mit Zwang, sondern nur mit freundlicher Beharrlichkeit. 

 

Wir müssen die wilde Natur der Hundebabys akzeptieren, sie werden immer wieder versuchen, uns abzulenken und Chaos zu veranstalten. 

 

 Nur durch die richtige Beschäftigung können wir sie zähmen und unter Kontrolle halten. Das ist es was wir in der Meditation und beim Yoga üben. 

 

Und wenn es uns gelingt die vrittis zu beruhigen, dann können wir für kurze Momente unser Drastu erkennen. Je öfter uns das durch Yoga (Asanas, Pranayama, Meditation) gelingt, desto weniger Kraft haben die vrittis auch im Alltag. 

 

Die Erfahrung von Drastu gibt uns mehr Freiheit von unseren vrittis. 

 

Die Gedanken und Gefühle  sind zwar da, aber wir sind nicht mehr so stark von ihnen abhängig oder ihnen gar ausgeliefert. 

 

Wir können sie nutzen, um im Alltag zurecht zu kommen, aber wir wissen, dass es noch etwas anderes gibt tief in uns, das nicht verletzt werden kann. 

 

Wir haben hier ein paar Meditationen für dich aufgenommen, die du dir zu Hause anhören kannst. Viel Spaß beim beruhigen deiner vrittis!

 

Deine Katja

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Katja Kirchhofer

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